Fotografie als Kunst und Ausdruck
Ein Blick hinter die Linse einer Lehrkraft des Treptow-Kollegs


Foto:
Benjamin Wagner
Frau Bolesch, Sie unterrichten am Treptow-Kolleg Bildende Kunst. Neben plastischer Kunst und Malerei ist auch die Fotografie ein Bereich, den Sie den Lernenden auf eindrucksvolle und anschauliche Weise näherbringen.
Sind Sie auf die Fotografie erst durch Ihr Kunststudium aufmerksam geworden oder haben Sie sich schon im Vorfeld mit der Lichtmalerei beschäftigt?
Sind Sie auf die Fotografie erst durch Ihr Kunststudium aufmerksam geworden oder haben Sie sich schon im Vorfeld mit der Lichtmalerei beschäftigt?
Tatsächlich wurde mir nicht nur die Kunst im Allgemeinen, sondern auch die Fotografie im Speziellen durch meine Familie in die Wiege gelegt. Mein Vater, der bei Carl Zeiss arbeitete, hatte unzählige Objektive zuhause. Sowohl er als auch sein Bruder und meine Cousins hatten eigene Kameras. Es war also völlig normal, dass bei uns fotografiert wurde. Oft haben wir sogar posiert und kaum ein Sonntagsspaziergang fand ohne Kamera statt. Das großartige daran war, dass ich so bereits als Kind die verschiedensten Gestaltungsmechanismen kennenlernen konnte.
Welche Mechanismen waren das zum Beispiel?
Die offensichtlichsten Gestaltungsmittel zeigten sich etwa in der Wahl aus Schwarzweiß und Farbfilmen. Und dann gab es nochmals zwischen den Filmen der unzähligen Hersteller etliche Unterschiede. Je nachdem, ob das Bild beispielsweise eher grün- oder rotstichig sein sollte.
Welchen Einfluss hatte Ihre Mutter auf Ihre Kunstaffinität?
Meine Mutter hat mit uns Kindern immer sehr viel gebastelt. Ich erinnere mich gut daran, wie wir zum Beispiel regelmäßig in den Wald gegangen sind, um Rinde, Moos, Tannzapfen und vieles mehr zu sammeln. Daraus fertigten wir dann Basteleien, mit denen wir unsere Verwandtschaft überschütteten. Neben den Handarbeiten hat Sie meinen Schwestern und mir auch oft Geschichten erzählt, während sie zeichnete. Wir durften sogar auf den Wänden in unserem Zimmer zeichnen. Für uns war das ideal, falls mal Langeweile aufkam.
Nachdem ich erst deutlich später das Lesen für mich entdeckte und nahezu jedes Buch, jeden Text verschlang, begann ich, meine Gefühlswelt insbesondere mittels der Malerei auf die Leinwand zu projizieren. Im Gegensatz zu denen meiner großen Schwester waren meine Bilder nie besonders ordentlich und akkurat gemalt, ich habe sehr viel ausprobiert und mit den Möglichkeiten gespielt. Deshalb nahmen meine Eltern wohl auch an, dass ich mich beruflich eher dem Literarischen widmen würde. Tatsächlich war es dann genau umgekehrt: Meine Schwester studierte Linguistik und ich die Kunst. Da ich dennoch großes Interesse an der Sprache hatte wie sie an der Kunst, konnten wir uns immer wieder austauschen, was zu einer großartigen und einzigartigen Symbiose führte.
Sie haben sich zu einem Studium in Karlsruhe an der Akademie der Bildenden Künste entschlossen. Konnten Sie dort Ihre Fähigkeiten des Handwerks der Fotografie vertiefen?
Normalerweise muss man nach einem strikten Terminplan Zeitfenster in den Werkstätten anmelden. Glücklicherweise wurden das hauseigene Fotostudio und das Labor nur sehr selten genutzt, sodass es dort nie Wartelisten gab. Eine eigene Kamera hatte ich schon dank meines Vaters. Also bin ich dann auch so oft wie möglich ins Fotolabor gegangen. Ohne den Zeitdruck, wie er in anderen Bereichen üblich war, konnte ich mich entsprechend ausprobieren. Ich arbeitete allerdings hauptsächlich mit Schwarzweißaufnahmen, auch, um eine Art Entsprechung zu meinen sonst sehr bunten gemalten Bildern zu erhalten. In der Malerei beschäftigte ich mich besonders mit dem Farbauftrag, dem Farbgestus. In meiner Fotografie waren das vor Allem die Lichtverhältnisse, die Kontraste und die technischen Gestaltungsmöglichkeiten durch die Kamera. Wobei ich es heute nicht mehr so scharf trenne, hatte ich mich damals ganz bewusst gegen die Farbfotografie entschieden. Hinzu kam aber auch, dass Farblabore technisch beziehungsweise chemisch deutlich aufwendiger zu betreiben sind.
Was zeichnet für Sie die Fotografie besonders aus?
Bilder beziehungsweise Fotografien wirken enorm realitätsgetreu, sodass sie häufig mit Wahrheiten in Verbindung gebracht werden. Ich spreche gerade in diesem Zusammenhang lieber von Bildwirklichkeiten, da das Gezeigte immer nur einen kleinen Ausschnitt, eine Momentaufnahme darstellt. Mir gefällt es sehr, dass ich mit der Fotografie die Wirklichkeit hinterfragen kann. Das beginnt schon bei der Frage, warum ich ein bestimmtes Motiv in dieser oder jener Weise fotografiere.
Wie planen Sie ein solches Motiv?
Ich kann ein Motiv unter verschiedenen Schwerpunkten herausstellen. Dazu frage ich mich, ob ich eher eine gegenständliche Darstellung bevorzuge oder ob ich eher den Ausdruck in den Vordergrund stellen möchte. Ich kann mich aber auch auf die Lichtwirkung und die Wahrnehmung konzentrieren oder vielleicht möchte ich sogar eine Geschichte mit dem Bild erzählen. Ich kann den Einsatz der Gestaltungsmittel dann auch noch entweder vereinfachen oder es damit übertreiben, bis hin zur Abstraktion. Da die Fotografie immer an technische Werkzeuge gebunden ist, wird allgemein angenommen, dass sie sehr objektiv ist. Meiner Ansicht nach sind die Möglichkeiten der Fotografie allerdings in viele Richtungen sehr offen.
„Ihre Kamera macht ja richtig gute Fotos“ – hat man diesen Satz schon einmal zu Ihnen gesagt?
Ja, tausendfach. Nur ist die Kamera, ebenso wie das Objektiv, ein Werkzeug. Entscheidend ist die Person hinter der Kamera. Sie legt den Ausschnitt fest, stellt Blende und Belichtungszeit ein und lässt noch vieles mehr wie Farbgestaltung, Kontraste und Lichtwirkung mit einfließen. Auch die Präsentationsform, also die Frage nach der Größe des Bildes und die Art der Filmentwicklung, ist nicht unerheblich bedeutsam.
Wenn ich mir Gedanken darüber mache, was nun eigentlich ein gutes Bild ist, also was Qualität ausmacht, kann ich beispielsweise eine Aufnahme unter den Aspekten der Technik, der gewählten Gestaltungsmittel betrachten. Aus künstlerischer Sicht müsste ich allerdings hinterfragen, ob das die Funktion ist, die ein gutes Bild mindestens erfüllen müsste. Denn manchmal ist es der Schnappschuss mit einer einfachen Kamera, der die Welt zum Staunen bringt. Verwackelte Bilder sind manchmal aufschlussreicher als ein gestochen scharfes Bild. Es kommt aber auch immer auf das Ziel des Fotografierenden an.
Was ist für Sie ein gutes Foto?
Wenn wir uns anschauen, was im Allgemeinen als gut bewertet wird, befinden wir uns normalerweise im Mittelmaß. Das ist ein Bereich, in dem sich die meisten wohl fühlen, wo niemand vor den Kopf gestoßen wird. Da haben sich alle darauf geeinigt, dass das gut ist. Erst bei den extremeren Positionen entsteht Polarisierungspotential. Und das sind meiner Meinung nach erst die interessanten Bereiche. Es sind also nicht die guten, sondern die speziellen Bilder, die etwas in mir verändern oder auslösen. Auf der einen Seite gibt es also Bilder, die technisch perfekt komponiert sind, solche, die lehrreich sind oder eben auf der anderen Seite solche, die kontroverse Gefühle auslösen und ich noch nicht so richtig erfassen kann, wie ich diese einordnen soll. Ein ähnliches Phänomen gibt es auch in der Musik. Ein Song, auf den ich zuvor mit Ablehnung reagierte, kann inzwischen zu einem geworden sein, auf den ich nicht mehr verzichten möchte. Dazwischen irgendwo siedeln sich die guten Songs an. Zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen komme ich in der Literatur auch oft erst, wenn ich Bücher lese, die diesen Grenzbereichen zuzuordnen sind. Man könnte also sagen: Ein gutes Foto mag ein gutes Foto sein. Sehr gut ist aber etwas anderes.
Die Fotografie ist weit mehr als das bloße Festhalten von Momenten – sie ist eine Form der Kunst, die Realität interpretiert, Emotionen einfängt und Geschichten erzählt. Frau Bolesch zeigt, dass hinter jedem guten Foto nicht nur technisches Können, sondern auch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Motiv und der eigenen Sichtweise steckt. Entscheidend ist nicht allein die Kamera, sondern die Person dahinter – ihre Intuition, ihre Perspektive und ihr künstlerischer Ausdruck. Fotografie bedeutet, die Welt auf neue Weise zu betrachten und mit jedem Bild eine eigene Wahrheit zu erschaffen.
Die Fotografie ist weit mehr als das bloße Festhalten von Momenten – sie ist eine Form der Kunst, die Realität interpretiert, Emotionen einfängt und Geschichten erzählt. Frau Bolesch zeigt, dass hinter jedem guten Foto nicht nur technisches Können, sondern auch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Motiv und der eigenen Sichtweise steckt. Entscheidend ist nicht allein die Kamera, sondern die Person dahinter – ihre Intuition, ihre Perspektive und ihr künstlerischer Ausdruck. Fotografie bedeutet, die Welt auf neue Weise zu betrachten und mit jedem Bild eine eigene Wahrheit zu erschaffen.
12.03.2025 | Interview
Verfasst von: BWA